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Auf dein Wort hin ...

Pfarrbrief vom 12.10.2003:
Predigt unseres neuen Erzbischofs Hans-Josef Becker zu seiner Amtseinführung am Sonntag, den 28.9. im Dom zu Paderborn (Teil I)

Die Einführung eines Diözesanbischofs in seinen apostolischen Dienst ist verbunden mit vielfältigen und hohen Erwartungen. Da sind konkrete Erwartungen der Menschen im Erzbistum, Erwartungen der Gemeinden und der Priester und Diakone, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren kirchlichen Berufen, Einrichtungen und Verbänden, der Männer und Frauen in den Ehrenämtern aller Orten. Auch die Öffentlichkeit hegt Erwartungen.

Da sind aber auch Erwartungen des neuen Erzbischofs, vor allem an diejenigen, die mit ihm den Weg der Ortskirche von Paderborn weitergehen wollen.

Darf ich davon in dieser Stunde sprechen? - Es liegt mir sehr am Herzen!

Das Programm, wenn man es so sagen kann, trägt einzig einen Namen: Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, ist der Herr. Er ist das Haupt seiner Kirche.

Ich möchte erwartungsvolle Gedanken mit Ihnen teilen, die sich am Wort des Fischers Simon orientieren, wie wir sie soeben im Evangelium vernahmen:

„Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Aber auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen" (Lk 5, 5).

Bewusst halte ich fest an dem Leitwort, das ich als Weihbischof vor drei Jahren gewählt habe. Es ist für mich die stets zu gebende Antwort auf das stets ergehende Wort.

Wenn ich verstehen will, was jemand meint, muss ich zuhören können. Wenn ich auf meine Frage eine Antwort haben möchte, muss ich bereit sein, aufmerksam hinzuhören. Viele Leute fragen und geben sofort selbst die Antwort dazu. Viele Leute beklagen sich, dass andere sie nicht verstehen; dabei sind sie selbst oft nicht bereit, Ohr und Herz zu öffnen.

Was unter Menschen allgemein gilt, gilt in besonderer Weise, wenn es darum geht, „auf das Wort" zu hören.

Jesus hat nicht nur wichtige Worte gesprochen. Er selbst ist das Wort,

das zuverlässige Wort der Wahrheit,

das zuverlässige Wort der Wegweisung,

das zuverlässige Wort des Lebens.

Er hat seine Jünger in die Schule genommen. Er hat sie gelehrt und eingeübt, „auf das Wort" zu hören, das er selbst ist.

Wenn da nicht der Satz des Petrus wäre und die sich anschließende Erfahrung von der reichen Erfüllung des Auftrages Jesu, sähe für mich vieles anders aus. Das sage ich vor dem Auftrag, in den ich mich nach der Wahl durch das Metropolitankapitel und durch die Ernennung durch den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II. hineingestellt sehe.

Das Evangelium zeigt uns: Nicht das kluge Rechnen der Fachleute, nicht das Kalkül der Berufsfischer, nicht die geschickte und kluge Betriebsführung bringt den großen Fang, schenkt das große Glück und den rechten Antrieb und die Ermutigung. Nein, es ist das Hören auf den Herrn, die Annahme seines Wortes! Das ist zu erkennen für jeden, der es hören will: Nur wer das Wort Gottes ernster nimmt als die eigene Berechnung, ernster als die eigene Erfahrung und die so genannte Vernünftigkeit, nur der kann der Macht und der Wirklichkeit Gottes begegnen. Sie übersteigt den engen und kleinkarierten Rahmen dessen, was wir aus uns selbst heraus vermögen.

Und hier richte ich den Blick auf etwas, was mir zunehmend auffällt in nahezu allen Bereichen kirchlichen Lebens:

Wie oft ist in unseren Gemeinden, in Dekanaten und Regionen, in Verbänden und Einrichtungen der Eindruck nahe liegend: Hauptsache, es läuft etwas!

Selten mal in ihrer Geschichte wird die Kirche ein so quirliges Leben an sich gehabt haben, wie heute in unserem Land. Ideen veranlassen Aktionen, Aktionen gebären wieder neue Ideen. Nichts gegen all das! Nichts dagegen, wenn die Kirche sich an die Arbeit macht und dies wohlgeplant und wohlüberlegt! Das muss sein!

Nichts dagegen, wenn Nüchternheit und Sachlichkeit bei Entscheidungsträgern hoch eingeschätzt sind. Das muss sein! Doch mit zunehmender Deutlichkeit meldet sich die Frage:

Gibt all das der Kirche die Kraft, die sie braucht?

Verleiht ihr das den Mut zum lebendigen Zeugnis?

Gibt ihr das die tiefreichende Ausstrahlung?

Lebt sie davon? -

Es ist wohl an der Zeit, dass wir die Grenzen unseres eigenen Mühens und Wirkens sehen lernen.

Es ist wohl an der Zeit, dass wir uns eingestehen: Unsere Strategien und Aktivismen können nicht etwas machen und herbeizwingen, was gar nicht machbar ist:

Die Bejahung des Lebens.

Die Ermutigung im Glauben.

Die Bestärkung der Hoffnung, aus der wir leben.

Die Freude am Dasein.

(Fortsetzung im nächsten Pfarrbrief)


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