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Brief des Propstes an den neuen Erzbischof (Teil II)

Pfarrbrief vom 20.07.2003:
Lieber Hans-Josef!

Die offizielle Bekanntgabe erfolgte am Fest des Apostels Thomas. Die meisten kennen ihn nur als Zweifler; sie wissen nicht, welch großartige Rolle er in der Gefolgschaft Jesu gespielt hat. Er hat Jesus nach dem „Weg“ gefragt. Keiner kennt seinen Weg. Vielleicht ist es hilfreich, ihn gemeinsam zu suchen. Obwohl Dich in den nächsten Tagen und Wochen eine Fülle von Briefen mit Vorschlägen und Ratschlägen erreichen wird, möchte ich mir aufgrund unseres freundschaftlichen Verhältnisses doch erlauben, Dir einige Erwartungen des Volkes mit auf Deinen bischöflichen Weg zu geben.

Als erste Lesung wurde uns im Brevier aufgegeben 1 Kor 4,1-16. In diesem Paulustext steht der Satz: „In Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden.“ Ich habe diesen Satz sofort auf Dich bezogen und gedacht: Wenn er doch danach leben würde!

Ins Auge springt bei diesem Korinthertext der christologische Bezug. Unser Glaube hat es nicht in erster Linie mit Gott als dem ganz Anderen zu tun, sondern mit dem Gott in unserer Geschichte, der mit uns geht in Freude und Leid. Gott hat sich dazu von Jesus vor aller Welt auslegen lassen; Jesus ist die Exegese Gottes; er erklärt ihn uns und sagt uns, wie Gott ist. „Was niemand je gesehen hat – der hat es uns ausgelegt, der an der Brust des Vaters ruht“ (Joh 1,18). Von ihm her können wir ein Gottesbild vermitteln, das die Konkurrenz mit allen anderen Gottesbildern aushält. Von der ersten bis zur letzten Seite wird es uns im Evangelium beschrieben, das Du als erster Verkündiger der Frohen Botschaft den Menschen zu vermitteln hast. Auch in Deinem bischöflichen Wahlspruch leuchtet der Hinweis auf die Bedeutung des Evangeliums auf. Zur bischöflichen Aufgabe gehört es meines Erachtens, nach Bundesgenossen zu suchen und alle diejenigen in dem einen Volke Gottes zu sammeln, die auf der Basis des Evangeliums mit dem Gott in der Geschichte durch ihr Leben gehen wollen. Mit dieser Überlegung erhält Dein neues Amt, das Du selbstbewusst wahrnehmen solltest, einen starken ökumenischen Impuls. Meine Tätigkeit in Minden hat mir die Fruchtbarkeit solcher Bemühungen gezeigt. Das Volk Gottes erwartet von Dir, dass Du bei allem Ringen um die Wahrheit die Interessen dieses Volkes, in dem auch der Geist Gottes lebt, aufgreifst und sie über die Brücke zu denen trägst, die in der Kirche das Sagen haben, also zu Deinen Mitbrüdern im bischöflichen Amt. Wir dürfen das Volk Gottes mit seinen eigenen Ideen und Vorstellungen nicht als Bedrohung verstehen, sondern als „Geistliche“, die zusammen mit Euch den Weg zum Vater suchen wollen. Der erste Petrusbrief hat mir ganz neue Einsichten vermittelt.

Dem Brief an den Erzbischof möchte ich einen herzlichen Gruß aus dem Klinikum Minden an alle Schwestern und Brüder unserer Gemeinde anfügen. Nach gut verlaufener Operation durfte ich das Klinikum verlassen, sodass diese Zeilen aus der Propstei kommen.

Ihr

Paul Jakobi
Propst

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