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Johannes XXIII. - ein pfingstlicher Rückblick

Pfarrbrief vom 08.06.2003:
Menschen können pfingstlich sein. Sie bringen Bewegung in eine erstarrte Situation; neues Leben bricht auf. „Und seine Antwort wächst grün durch alle Fenster“, sagt Reiner Kunze in einem seiner Gedichte. Es gibt Menschen, die sich so dem Geiste Gottes öffnen können, dass er alles verändert.

Ein solcher pfingstlicher Mensch war Papst Johannes XXIII. Vor genau 40 Jahren ist er am Pfingstmontag, dem 3. Juni 1963 gestorben. Die ganze Welt hat für ihn gebetet, als er im Sterben lag. Bei seiner Wahl 1958 war es noch anders. Ich erinnere mich genau an meinen Gang durch die Westernstraße in Paderborn, als mich ein Bekannter ansprach und mir mitteilte, Kardinal Roncalli sei zum Papst gewählt worden. „Dieser alte Opa“, war meine enttäuschte Reaktion. Wir hatten einen jungen dynamischen Papst erwartet, der Einfluss nehmen konnte auf die Gestaltung der Welt. Und jetzt wurde ein 77-jähriger Kardinal zum Papst gewählt.

Aber bald schon wurden wir eines Besseren belehrt. Das Konklave in Rom hatte - sicher unter dem Wirken des Heiligen Geistes - einen Mann zum Papst bestellt, der gegensätzlicher zu seinem Vorgänger nicht hätte sein können. Schon rein äußerlich konnte er mit der großen und aufrechten Gestalt Pius XII. nicht mithalten.

Der kleine rundliche Bischof kam nicht wie sein Vorgänger aus dem diplomatischen Dienst, er war kein Kirchenfürst, kein Herrscher. Er wollte dem Volke nahe sein. Der Sitz auf der sedia gestatoria war ihm zuwider; deshalb stieg er im Petersdom ab und ging zu Fuß durch die begeisterte Menge. Als sein Nachfolger Paul VI. schon eine Zeit lang im Amt war, sagte mir ein Taxifahrer in Rom: „Unser Papst ist Johannes.“

Wahrscheinlich ist Johannes XXIII. der größte Papst des 20. Jahrhunderts. Zunächst nannte man ihn einen „Übergangspapst“, der aufgrund seines hohen Alters nur eine kurze Zeit im Amt sein würde. Obwohl er nur 5 Jahre an der Spitze der Kirche gestanden hat, wurde er bald der „Papst des Übergangs“ genannt. Er hat die verstaubte und verkrustete Kirche in eine neue Zeit geführt. „Wir müssen die Fenster öffnen, damit der Mief aus der Kirche kommt“, war eines seiner Worte, mit dem er die Notwendigkeit eines Konzils begründete. Gegen erheblichen Widerstand seiner vatikanischen Mitarbeiter hat er 1962 das 2. Vatikanische Konzil einberufen. Da nichts für dieses riesige Unternehmen - weder organisatorisch noch theologisch - vorbereitet war, muss die überraschende Entscheidung des Papstes durch das Wirken des Heiligen Geistes zustande gekommen sein. Und dieser Geist wehte weiter - wie der Paderborner Kardinal Jäger in einem Vortrag später sagte - durch die Konzilsaula. Johannes XXIII. suchte den Dialog mit der Welt. Seine Friedensenzyklika „Pacem in terris“ ist bis heute hochaktuell. Unter seiner Regie hat sich das Verhältnis zu den evangelischen Christen mehr verbessert, als in den 500 Jahren vorher. Er war ein Mann, der sein Amt als Dienst verstand.

Vor allem kämpfte der Papst für die Freiheit: die Religions- und Gewisssensfreiheit, die Freiheit in der Forschung, in der Liturgie, in der Theologie. Trotz alledem wollte er keine Beliebigkeit, sondern Ordnung. Dazu möchte er eine Kirche mit einem Zentrum, aber keinen Zentralismus, der alles steuert. Die Kirche verlangt nach Einheit, aber nicht nach Uniformität. Soviel Freiheit wie möglich, soviel Bindung wie notwendig. Von solchen Prinzipien ließ sich dieser Papst leiten.

Hätten wir doch mehr solche pfingstliche Menschen in unserer Kirche!

Ihr

Paul Jakobi
Propst

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