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Ökumenischer Kirchentag in Berlin

Pfarrbrief vom 01.06.2003:
Etwas kann ich mich in das große Treffen der Kirchen hineindenken, weil ich 1971 am Ökumenischen Pfingsttreffen in Augsburg als Bundespräses der Katholischen Jugend Deutschlands teilgenommen habe. Dieses damalige Experiment mit der evangelischen und katholischen Kirche war der Vorläufer des jetzigen Ökumenischen Kirchentages in Berlin. Ich erinnere mich an die vorbereitenden Gespräche mit dem jetzigen Kardinal Walter Kasper und dem evangelischen Theologen Heinz Zahrnt über gemeinsame theologische Erklärungen, auch an den Streit um die gemeinsame Abendmahlsfeier und an verschiedene großartige Veranstaltungen, in denen es zwischen den beiden Kirchen keine Unterschiede gab. Auch damals galt schon, was der Papst immer wieder betont, dass das Gemeinsame viel mehr als das Trennende ist.

„Gemeinsam Zeugnis geben - gemeinsam Welt gestalten“ ist das Thema des Ökumenischen Kirchentages in Berlin. Gerade in der Hauptstadt der Bundesrepublik, im Zentrum der Macht, am Sitz der Bundesregierung sollen die die Menschen bewegenden Fragen beraten werden: Die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens, die Ideologie der Machbarkeit, der Glaubensschwund der Christen, die Zuwanderung und Integration von Ausländern, die Fragen der Globalisierung, der Dialog mit den Weltreligionen und vieles mehr. Diese großen Themen zeigen, dass es eine Engführung ist, den Kirchentag auf die Frage des gemeinsamen Abendmahls zuzuspitzen. Die Beratungsmaterie ist von einer solchen anthropologischen, politischen und ethischen Brisanz, dass der Versuch sich lohnt, alle in Berlin versammelten christlichen Kräfte zu bündeln und gemeinsame Positionen zu finden. In vielen großen Themen der heutigen Zeit liegen die Auffassungen der beiden Kirchen sehr nah beieinander; sie müssen aber in gemeinsame politische Willensbildungen einfließen, um so den Kurs in Deutschland im Sinne der Menschen und ihrer Würde mitzubestimmen. Die gemeinsame Grundlage der Christen in Deutschland kann dann auch Einfluss nehmen auf die Gestaltung Europas.

Über dem Ökumenischen Kirchentag steht das Leitwort: „Ihr sollt ein Segen sein.“ Damit dürfen sich alle Christen auf den besinnen, der der Welt letztlich zum Segen werden kann. Segen hat immer mit Gott zu tun. Wenn wir Gott aus dem Auge verlieren, werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Damit verzichten wir auf eine Kraft, die uns im Tiefsten Halt gibt. Auch der säkulare Staat lebt - nach einem bekannten Wort des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde - von Voraussetzungen, die er sich selbst nicht geben kann. Es ist eine Aufgabe der Kirchen, auf diese grundlegenden Voraussetzungen aufmerksam zu machen und sie im Interesse der Menschen immer wieder ins Gespräch zu bringen. Diese Voraussetzungen haben mit Gott zu tun.

Aus der DDR-Zeit steht in Berlin am Alexanderplatz ein Fernsehturm, der die Stadt überragt. Wenn auf die Kuppel dieses Turmes die Sonne schein, leuchtet auf ihr ein Kreuz auf, das mit dem Sonnenstand durch alle Himmelsrichtungen wandert. Unsere priesterlichen Freunde haben uns früher mit heimlicher Freude erzählt, wie sehr sich die Machthaber der DDR bemüht haben, dieses „Ärgernis des Kreuzes“ (vgl. Gal 5,11) zu beseitigen. Aber alle Anstrengungen, Veränderungen und Übermalungen haben nichts genutzt. Das Kreuz blieb über der Stadt. So wird es auch jetzt beim Ökumenischen Kirchentag über Christen und Heiden leuchten und allen Menschen verkünden, wer letzter Sieger ist.

Ihr

Paul Jakobi
Propst

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