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„Du bist nichts, Dein Volk ist alles“

Pfarrbrief vom 04.05.2003:
Fragt man nach den geistigen Grundlagen der großen totalitären Systeme, so stößt man immer wieder auf einen Satz, der von dem Philosophen Friedrich Hegel stammt: „Das Allgemeine geht vor dem Besonderen.“

Der Hegel-Schüler Karl Marx übersetzte das für den Marxismus folgendermaßen:
„Das Wohl des Staates geht vor dem Wohl des Individuums.“ Auch der Nationalsozialismus hatte seine Wurzeln in diesem Gedanken: „Das Wohl des Volkes rangiert vor dem Wohl des Individuums“, oder „Du bist nichts, Dein Volk ist alles.“

Wie viel „Wohl“ das dem Volk oder der Gesellschaft gebracht hat, ist hinlänglich bekannt.

Aber nicht nur die Staatstheorien und ihre brutalen politischen Konkretisierungen wurden von diesem Satz Hegels geprägt und legitimiert, sondern schleichend und unbemerkt gewann im 18. und 19. Jahrhundert dieser Satz auch Eingang in einen Teil der Medizin, in die forschende Medizin.

Im Zuge der Seuchenforschung, der Hygieneforschung und der Bakteriologie entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein Typ von Medizinern, die eigentlich kaum noch einen Kranken vor sich hatten, sondern statt dessen in Laboratorien mit Krankheitskeimen der Tuberkulose oder des Schimmelpilzes experimentierten.

Für diese Gruppe von forschenden Medizinern, deren Schüler sich am Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem für „Volksgesundheit“ und „Rassenhygiene“ interessierten, stand das Allgemeine, der Fortschritt der Wissenschaft an erster Stelle vor dem Besonderen, dem Leben des einzelnen Menschen. So wurden - lange vor dem Nationalsozialismus - Menschenversuche mit tödlichem Ausgang legitimiert.

Nachdem sich Europa und die angeblich zivilisierte Welt vom Schock des Nationalsozialismus und des Kommunismus einigermaßen erholt glaubt, vertreten medizinische Forscher zum Teil in den gleichen Instituten, die einst die nationalsozialistischen Experimente an Menschen leiteten, heute wieder ähnliche Thesen: „Für den Fortschritt der Medizin müsse man ethische Grenzen relativieren und um des gesellschaftlichen Wohls willen sei es legitim, Embryonen künstlich zu erzeugen und an ihnen „verbrauchend“ zu forschen.

Das Allgemeine, der medizinische Fortschritt steht plötzlich wieder vor dem Besonderen, dem einzelnen Leben.

Mehr noch: Dem realen Leben des Einzelnen wird der mögliche Fortschritt übergeordnet. Nun betonen alle, trotz der gleichen geistigen Grundlagen sei die geplante oder schon realisierte Verletzung der Menschenrechte nicht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen. Das stimmt. Denn die Verletzung der Menschenrechte durch die Biotechnologie steht erst am Anfang ...

Ihr

Wolfgang Ricke
Klinikpfarrer

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