Dom Minden  
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Staatliche Baulast und Kirche

Pfarrbrief vom 16.03.2003:
Viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt Minden stellen die Frage, aus welchem Grunde das Land NRW die Kosten für den Wiederaufbau und die Unterhaltung des Domes zu tragen habe. Ohne geschichtlichen Hintergrund ist diese Verpflichtung nicht zu verstehen.

Nach den kriegerischen Auseinandersetzungen Deutschlands mit Frankreich wurden in mehreren Friedensverträgen dem Frankreich Napoleons alle Gebiete westlich des Rheins zugesprochen. Deutsche Fürsten, die so ihr Land verloren, hielten sich dadurch schadlos, dass sie die rechtsrheinischen Territorien geistlicher Fürsten widerrechtlich enteigneten und sie ihrem Besitz einverleibten. Das Vermögen der Kirche wurde eingezogen, 22 Erzbistümer und Bistümer, 80 Abteien und 200 Klöster kurzerhand aufgehoben. Allerdings mussten sich die so zu Unrecht bereicherten weltlichen Herrscher verpflichten, für die Domkirchen zu sorgen und auch die Pensionslasten der Bediensteten zu tragen. Alles das wurde vor genau 200 Jahren, am 25.2.1803 im sogenannten Reichsdeputationshauptschluss in Regensburg beschlossen. Aus diesem Anlass werden in den kommenden Wochen und Monaten viele Veranstaltungen durchgeführt, die in NRW unter dem Titel „Vom Krummstab zum Adler - Säkularisation in Westfalen 1803 - 2003“ stehen und die an diese Ereignisse erinnern möchten.

„Sollen wir unsere eigene Beerdigung feiern?“ So könnten wir als Vertreter der Kirche fragen. Wie können wir aus heutiger Sicht diesen Raubzug des Staates bewerten? Die Ereignisse hatten vor 200 Jahren die katholische und evangelische Kirche nicht unvorbereitet getroffen. Eine Welle der Rationalisierung sowie Aufklärung und französische Revolution mit ihren Prinzipien „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hatten den Boden bereitet und kirchliche Werte und Normen verdrängt. Auch kirchliche Vertreter fühlten sich angesichts der weltlichen Macht der Fürstbischöfe, des Reichtums der Kirche und der Primitivität des Volksglaubens nicht mehr wohl. Eine Flut antikirchlicher Schriften, Spottgedichte und Karikaturen überschwemmte die Institution Kirche, die sich als reformbedürftig erwies. Konnte diese veraltete Kirche den Anforderungen der Moderne mit dem riesigen Phänomen der aufkommenden Industrialisierung gerecht werden?

Eine solche Frage führt zu einer anderen Beurteilung dieses Kirchenraubs. Obwohl er gegen jedes Recht verstoßen hat, wurde er doch zum Segen für die Kirche. Sie wurde befreit von den Belastungen des Reichtums, von den ständigen Kämpfen um Macht und Besitz, von der Verstrickung in komplizierte soziale Entwicklungen. Die deutschen Katholiken nutzten die Idee der Bürgerfreiheit, so dass das 19. Jahrhundert zu einer Blütezeit kirchlichen Vereinslebens wurde. Die katholischen Verbände, die in dieser Zeit gegründet wurden, waren Motore kirchlicher Erneuerung; sie entwickelten soziale und politische Initiativen, die der katholischen Kirche in Deutschland neues Selbstbewusstsein und wachsendes Ansehen verschafften. Die Fürstenkirche wurde zur Volkskirche. Die Laien gründeten Pfarreien und bauten Kirchen, neue Ordensgemeinschaften entstanden und die Priesterseminare füllten sich. Alles das wäre ohne die Säkularisation in dieser Weise nicht möglich gewesen.

Manchmal müssen alte Strukturen zerbrechen, damit das Leben wieder wachsen kann. Ob das auch für die heutige Kirche gilt?

Ihr

Paul Jakobi
Propst

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