Dom Minden  
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Er schaut mich an, und ich schaue ihn an

Pfarrbrief vom 10.11.2002:
"Wieder stand der Jude mitten in der Nacht am offenen Fenster. Wieder schaute er regungslos ins Dunkel und war versunken bei den Dingen des Lebens. Er erwartete nichts und war doch In-Erwarten. Offenen Herzens war er bei den Geheimnissen. Da kam ihm die Wortreihe des Psalmes in den Sinn, die er langsam vor sich hin sprach, leise, als wolle er das Geborenwerden der einzelnen Worte aus dem eigenen Leibe hören: Zu dir redet mein Herz, nach dir sehnt sich mein Gesicht, nach deinem Antlitz suche ich. Dich. Du bist's. Er hielt an, zögerte. Spreche ich: Du bist? Spreche ich: Du bist's?"

Es ist ein Unterschied, ob ich zu Gott sage: "Du bist", also: "Es gibt dich, du existierst" oder "Du bist's", also: "Du stehst jetzt vor mir, ich darf dir in diesem Augenblick begegnen." Martin Buber hat den obigen Text in seinen "Schriften zum Chassidismus" überliefert; es ist ein starker Text, bei dem man verweilen sollte. Er spielt auch im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen eine Rolle.

Gott ist weder Glaubens- noch Kultobjekt -kann er überhaupt Objekt, also Gegenstand sein? - , sondern der Gegenwärtige, der immer wieder in unser Leben tritt. Plötzlich kam der Bräutigam. Das ist Gott. Er kommt nicht am Ende der Zeiten, so dass wir uns mit der Feststellung "Du bist" zufrieden geben könnten. Er ist plötzlich da - in einem Menschen, in einer Not, in einem Ereignis. Dann genügt es nicht zu sagen "Du bist"; sondern dann erwartet er die Frage: "Du bist's?". So ist Gott nicht weit weg, so dass wir beruhigt an ihm vorbei leben könnten. Er lebt mitten unter uns.

Als der Pfarrer von Ars einen alten Bauern fragte: "Wenn du da in der Kirche sitzt, oft stundenlang, was tust du da?" antwortete er: "Er schaut mich an, und ich schaue ihn an." Das ist alles.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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