Dom Minden  
  ARCHIV | PFARRBRIEFE  

Die Gemeinde nicht nur als Volk, sondern als Chor Gottes

Pfarrbrief vom 20.10.2002:
"Halleluja ! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in seiner mächtigen Feste ! Lobt ihn für seine großen Taten, lobt ihn in seiner gewaltigen Größe ! Lobt ihn mit dem Schall der Hörner, lobt ihn mit Harfe und Zither ! Lobt ihn mit Pauken und Tanz, lobt ihn mit Flöte und Saitenspiel ! Lobt ihn mit hellen Zimbeln, lobt ihn mit klingenden Zimbeln ! Alles, was atmet, lobe den Herren ! Halleluja !" - so die Worte des berühmten 150. und damit letzten Psalms, der jahrhundertelang eine Inspirationsquelle für Komponisten bildete, welche ihn auf verschiedenste Weise vertont haben.

Nach einem knappen Jahr Dienstzeit habe ich die Domgemeinde als eine überaus offene, übermäßig aktive Gemeinde erlebt, die, was mir besonders auffällt, all ihre Aktivitäten und Handlungen mit einer großen "Wachheit", einem großen Bewusstsein - bis in kleine Details - tätigt. Als Kirchenmusiker in Ihrer Gemeinde fand ich eine große und lange Tradition der Dommusik vor, die sich in den fünf gemeindeeigenen Chorgemeinschaften, dem Domchor, der Domschola, der Knabenschola, der Mädchenkantorei und der Jugendband und nicht zuletzt in den mittlerweile weltbekannten wundervollen Instrumenten in unserem schönen Gotteshaus äußert. Es ist bei allen damit verbundenen Strapazen immer wieder eine Freude, mit den vielen Möglichkeiten, die einem Kirchenmusiker hier geboten werden, das Gotteshaus zu dessen Lobe immer wieder aufs neue "zu beschallen". An dieser Stelle möchte ich allerdings an Sie, liebe Gemeindemitglieder, erstmalig einen Aufruf aussprechen, der zur Verlebendigung unseres Gemeindegesanges beitragen soll.

Die fünf Chöre und die wundervollen Orgeln sollen mit ihrem Gesang und ihren Klängen den Gottesdienst bereichern, möchten aber der Gemeinde das Lob Gottes in der Form des Gesanges keineswegs abnehmen oder ersetzen! Die schönen Orgeln erklingen immer wieder bei großen Konzerten und bei den neu eingeführten Orgelvespern; sie erklingen zu Beginn, während der Kommunion und noch einmal feierlich zum Schluss der Gottesdienste - aber immer wieder betone ich, dass sie beide als ursprünglichen Zweck die Begleitung des Gemeindegesanges innehaben. Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil ist bekanntlich die "actuosa participatio", das aktive Mitwirken eines jeden Gemeindemitgliedes - insbesondere durch Gebet und Gesang - gefragt, und die Kirchenmusik wird "... nicht als Kleid, sondern Leib der Liturgie betrachtet" - so sollen nicht nur Chöre und Instrumente, sondern jedes Gemeindemitglied Teil dieses "Leibes" sein ! So sollte unser Volk Gottes an den entsprechenden Stellen während der Gottesdienste einen feierlich singenden Chor Gottes bilden ! Mit leiser Enttäuschung beobachtete ich in meiner ersten Dienstzeit, dass bei einem meines Erachtens beträchtlichen Teil der Gottesdienstbesucher (an Sonn- und Feier- sowie an Werktagen) die Gesangbücher geschlossen bleiben (auch bei weniger bekannten Liedern) - auch, wenn unser monatliches Ansingen eines neuen Liedes oder einer neuen Antiphon stattfindet. In dem Wettbewerb, an dem ich in Limburg teilgenommen habe, hatte ich die wertvolle Gelegenheit, mich lange mit einem kirchenmusikalisch ausgerichteten Professor für Liturgiewissenschaften (Dr. Markus Eham, München, u.a. Verfasser des "Münchener Kantorale", das ich jeden Sonntag bei den Zwischengesängen benutze) über solche "Erscheinungen" zu unterhalten.

Eine Verlebendigung unseres Gemeindegesanges muss sich in mehreren Schritten und Phasen entwickeln, und mein heutiger Aufruf soll ein erster Schritt dazu sein. Selbstverständlich ist mir klar, dass die meisten von Ihnen die Gemeindelieder, Kehrverse und Psalmen nach Kräften mitsingen - ich möchte auch keinesfalls eine negative Kritik üben, sondern ganz im Gegenteil denjenigen, die ohnehin sehr singfreudig sind und jedes Mal ihre Stimme zum Gesang erheben, die Wichtigkeit und Bedeutung dessen, was sie da tun, ins Bewusstsein rufen - und vor allem diejenigen, die das Gotteslob - aus welchen Gründen auch immer - verschlossen halten, ganz besonders dazu ermutigen, auch mit vermeintlich "schräger Gesangsstimme" zum Lobe Gottes durch den Gesang bereit zu sein und es doch noch einmal zu versuchen. Ich berufe mich damit auch auf eine Umfrage hinsichtlich der Kirchenmusik, die für das Buch unseres Propstes Paul Jakobi "Was gläubige Katholiken heute glauben" erstellt wurde und an der ich ebenfalls aus mehreren Meinungsäußerungen das Bedürfnis nach lebendigerem Gemeindegesang herauslesen konnte. Diesem Bedürfnis wollte ich heute einmal nachkommen. Wie schön stelle ich mir unseren herrlichen Raum als "tönendes Schiff mit dem Chor Gottes" vor - ganz im Sinne des oben abgedruckten 150. Psalmes ! Lassen Sie sich alle nochmals dazu ermutigen, mit lebendigem und kräftigem Gemeindegesang unsere feierlichen Gottesdienste - sei es werktags oder sonn- und feiertags - zu verschönern!

Es grüßt Sie herzlich
 
Ihr

Gereon Krahforst
(Domorganist und Chordirektor)

zurück