Dom Minden  
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Der leere Stuhl

Pfarrbrief vom 13.10.2002:
Ein Pfarrer wurde von einer Frau aus seiner Gemeinde gebeten, ihren alten Vater zu besuchen und mit ihm zu beten. Bei seinem Kommen fand er den alten Mann im Bett liegend vor, aufgestützt durch zwei Kissen in seinem Rücken. Ein leerer Stuhl stand neben dem Bett. Der Geistliche vermutete, dass der alte Herr auf seinen Besuch vorbereitet sei. "Ich glaube, Sie haben mich schon erwartet", sagte er. "Nein, wer sind Sie?" fragte der Vater. Ich bin der neue Pastor Ihrer Gemeinde", war die Antwort; "als ich den Stuhl hier vor Ihrem Bett sah, nahm ich an, Sie erwarteten mich." "Ach ja, der Stuhl", sagte der Kranke, "würden Sie bitte die Tür schließen?" Verwirrt schloss der Pfarrer die Tür. "Ich habe noch niemals mit jemandem darüber gesprochen, nicht einmal mit meiner Tochter", sagte der Mann. "Ich habe nämlich mein Leben lang nicht beten können. In der Kirche hörte ich zwar regelmäßig Predigten über das Beten, aber sie waren mir zu hoch. Schließlich gab ich jeden Versuch zu beten auf", fuhr der Alte fort, "bis vor ungefähr vier Jahren mein bester Freund es mir so erklärte: Jonny, es ist ganz einfach. Setze dich auf einen Stuhl und stelle dir vor, dass in einem zweiten, leeren Stuhl Jesus dir gegenüber sitzt. Das ist nicht unheimlich, denn er hat ja gesagt: Ich bin immer bei Euch. - Und dann unterhalte dich mit ihm, wie du es auch mit mir tust. - Ich versuchte es, und es gefiel mir so gut, dass ich es nun jeden Tag mehrere Stunden lang tue. Ich bin aber vorsichtig. Denn wenn meine Tochter mich beobachten würde, wie ich zu einem leeren Stuhl spreche, bekäme sie wohl einen Nervenzusammenbruch oder sie brächte mich in die Klapsmühle!" - Der Geistliche war tief bewegt durch diese Geschichte und ermutigte den alten Mann, so weiterzumachen. Dann betete er mit ihm, salbte ihn mit Öl und kehrte zurück in sein Pfarrhaus.

Zwei Tage später war die Tochter am Telefon und berichtete dem Pfarrer, dass ihr Vater diesen Nachmittag gestorben sei. "Starb er friedlich?" wollte der Pfarrer wissen. "O ja, als ich heute Nachmittag das Haus verlassen wollte, rief er mich an sein Bett, sagte, dass er mich lieb habe und gab mir einen Kuss. Eine Stunde später kam ich vom Einkaufen zurück und fand ihn tot. Etwas war allerdings merkwürdig bei seinem Tod. Anscheinend hat der Papa sich kurz bevor er starb vorgebeugt und seinen Kopf auf einen Stuhl neben seinem Bett gelegt. Können Sie sich das erklären?" Der Geistliche wischte sich eine Träne aus dem Auge und sagte: "Ich wünschte, wir alle könnten so durchs Leben gehen, voller Vertrauen, dass wir immer bei Gott zu Hause sind. - Glaubend, nicht wissend - denn durch Glauben, nicht durch Wissen leben wir."

Könnten wir doch so wie dieser alte Mann in der Gegenwart Gottes leben! Gott sitzt neben unserem Bett auf einem Stuhl, so dass wir mit ihm reden und ihm alles sagen können. Und wenn wir sterben, legen wir einfach unseren Kopf in seinen Schoß. So sind wir nie allein - weder im Leben noch im Tod.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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