Dom Minden  
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Kampagne für Zukunft der Altenpflege

Pfarrbrief vom 20.08.2002:
Die Fernsehberichte über die Pflege alter Menschen in Heimen sind äußerst beeindruckend. Häufig fragt man sich, wo das Pflegepersonal seine Kraft hernimmt, um in einem unermüdlichen Dauerstress den schwierigen Dienst an alten Menschen zu leisten. Dabei darf nicht übersehen werden, dass unsere Altenpflegeheime mehr und mehr zu Stätten für die Pflege- und Krankheitsbewältigung in den Spät- und Endstationen chronisch Kranker oder an Demenz leidender Menschen werden. Gerade in dieser Phase benötigen die Pflegebedürftigen nicht nur leibliche Versorgung, sondern liebevolle menschliche Zuwendung, die nicht vom Faktor Zeit beeinträchtigt wird. Für diese seelischen Dienste bleiben den Pflegekräften kaum Spielräume. Jede Minute ihres Dienstes ist für die notwendigste Leibsorge verplant.

Obwohl in vielen Altenheimen der ganze Mensch im Mittelpunkt steht und das Personal unter Aufbringung letzter Reserven sich einer solchen Pflege verpflichtet weiß, ist es heillos überfordert. Im St. Michaelshaus, dessen Renovierung Ende dieses Jahres abgeschlossen sein wird, haben wir als Träger des Heimes einen Einblick in das Bemühen, den Heimbewohnern bis zu ihrem Ende eine Lebensqualität zu vermitteln, die man als menschenwürdig bezeichnen kann. Aber auch hier macht sich auf bedrückende Weise der Panzer eines engen Stellenplans bemerkbar, der von staatlicher Seite den Häusern durch Vorschriften und Mittelzuweisung aufgezwungen wird.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas-Sozialstation, die täglich zu vielen Menschen in unserer Gemeinde und in der Stadt unterwegs sind und pflegerische und hauswirtschaftliche Dienste leisten, stehen in einer ähnlichen Situation. Viele pflegende Angehörige könnten ohne sie die erforderlichen Hilfen nicht leisten. Für alleinstehende alte und kranke Menschen sind sie oftmals die einzigen Helfer und Ansprechpartner. Zeitdruck, knappe personelle Ausstattung des Dienstes, zunehmende Bürokratisierung und Leistungseinschränkungen der Versicherungsträger machen es allen Beteiligten zunehmend schwerer, die individuell angemessenen Hilfen zu ermöglichen.

So kann es in unserem Staat nicht weitergehen! In NRW lebten im Jahre 2000 rund eine halbe Million pflegebedürftiger Menschen, davon wurden 334.000 zu Hause - mit Unterstützung durch ambulante Sozialdienste - und 134.000 in Heimen gepflegt. Der Anteil alter Menschen an der Bevölkerung nimmt stetig zu, die staatlichen Hilfen reichen nicht aus. Es kommt hinzu, dass 10.000 Pflegekräfte in NRW fehlen, weil der Beruf als unattraktiv, gilt, unverhältnismäßig strapaziös und schlecht bezahlt ist. Der Diözesancaritasverband Paderborn hat deshalb in der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege beschlossen, in aller Öffentlichkeit auf diese Fehlentwicklung in unserm Lande aufmerksam zu machen.

Unter dem Motto, "Zukunft bewegen - Kampagne für Pflege 02" sollen die brennenden Themen der Altenpflege genannt und der Staat an seine Verpflichtungen erinnert werden. Bis zum 18. Oktober 2002 werden in allen Pfarreien unseres Dekanates Unterschriften gesammelt, die dem Anliegen Nachdruck verleihen und den politisch Verantwortlichen im November überreicht werden sollen.

Die Unterschriftenaktion wird in unserer Gemeinde am nächsten Sonntag, den 24./25.8.2002 vor und nach allen heiligen Messen im Dom, in der St. Mauritius- und Dreifaltigkeitskirche durchgeführt. Wir bitten alle Gottesdienstteilnehmer, sich an dieser Unterschriftenaktion zu beteiligen, um von Seiten des Staates bessere Bedingungen für die Altenpflege zu erkämpfen. Auch ein solcher politischer Einsatz fällt unter das Gebot der Nächstenliebe.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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