Dom Minden  
  ARCHIV | PFARRBRIEFE  

Das Reich des Bösen?

Pfarrbrief vom 28.07.2002:
Es gehört zu den großen Versuchungen des Menschen, die Welt einzuteilen in Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Das vereinfacht das Denken, und es entlastet selber, denn der, der so denkt, steht immer auf der Seite des Guten - meint er! Auf der einen Seite die Welt der Zivilisation, auf der anderen Seite die "Achse des Bösen", so denken heute schon wieder Politiker.

Auf der einen Seite die Welt der Wahrheit, auf der anderen Seite die Welt der Gottlosigkeit, so liest sich das von der anderen Seite. Und was liegt näher, wenn die Welt so einfach ist, das Böse auszurotten?

Christa Wolf fragt in ihrem Roman "Kassandra": "Wann der Krieg beginnt, weiß man. Aber wann beginnt der Vorkrieg?" Vielleicht beginnt der Vorkrieg, wenn der Mensch die Welt allzu einfach einteilt in Schwarz und Weiß, wenn der Mensch die Menschen einteilt in Gute und Böse. So beginnt nicht nur der Vorkrieg in der Politik, so beginnt auch der Vorkrieg zwischen Ehepartnern, wenn der eine weiß, dass er selbst unschuldig, der andere aber ganz und gar schuldig ist.

So beginnt der Vorkrieg zwischen Religionen, wenn eine Gruppe zu genau weiß, dass sie die Wahrheit hat, die andere aber im Irrtum ist. Und auch die Jünger Jesu, die von ihrem Glauben überzeugt und begeistert waren, waren nicht ganz frei von dieser Versuchung. "Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit kommt, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, den Weizen aber bringt in die Scheune."

Gott lässt beides wachsen, den Weizen und das Unkraut, und er ist es, der sich die Entscheidung letztlich vorbehält, was Weizen und was Unkraut ist. Denn es gibt keinen Menschen, der nur gut wäre und keinen, der nur böse wäre, es gibt keine Kultur, keinen Staat und keine Religion, die nur Weizen wäre und keine, die nur Unkraut wäre.

Es gibt sicher das Gute und das Böse. Aber es gibt nicht die Guten und die Bösen. Ausreißen und Ausrotten ist nicht die Aufgabe des Menschen, und wenn man das Böse bekämpft, muss man aufpassen, dass man nicht auch das Gute zerstört. Das letzte Urteil wird Gott fällen: Wenn dann die Zeit da ist, werde ich den Arbeitern sagen: "Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, den Weizen aber bringt in die Scheune!".
 
Ihr

Wolfgang Ricken
Klinikpfarrer

zurück