Dom Minden  
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Zum Internationalen Jahr der Berge

Pfarrbrief vom 14.07.2002:
Nun beginnt die schönste Zeit des Jahres: die Ferien. Viele Familien fahren in die weite Welt, um zu Schule und Beruf einen Ausgleich zu finden. Wir brauchen Kontrasterfahrungen, weil das Leben rhythmisch aufgebaut ist und die Polarität Spannung erzeugt. Das Interesse der Urlauber geht in unterschiedliche Richtungen. Die einen lieben die See, andere möchten sich an der Kunst erfreuen, wieder andere suchen Stille und Ruhe. Auf viele Menschen üben die Berge eine Faszination aus, so dass sie gern ihre Ferien im Hochgebirge verbringen.

Die Gipfel der Berge sind dem Himmel nahe. Darum werden sie in verschiedenen Religionen als Wohnungen der Götter angesehen. Auch in der Bibel wird häufig von Ereignissen berichtet, die auf den Bergen geschehen sind: Etwa der Berg Sinai mit den 10 Geboten, der Berg Moria mit dem Opfer des Isaak, der Berg der Seligpreisungen, der Berg der Verklärung oder der Berg Golgotha. Gern feiern deshalb Jugendgruppen unter dem Gipfelkreuz - in der Nähe Gottes und mit einem Blick in das weite Land - einen Gottesdienst. "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen" betet der Psalmist (Ps 121). Die Berge stehen für Halt und Festigkeit; man kann sie nicht beiseite schieben. Darum sind sie Ausdruck von unumstößlicher Treue. Alle diese Eigenschaften sind Hinweise auf Gott.

Die Berge sind eine Herausforderung; sie sind schwer zu bezwingen. Wenn heute überall Seilbahnen zum Gipfel gebaut werden, entreißen sie den Bergen ihr Geheimnis. Hier leben Tiere, die nie ins Tal kommen; hier wachsen Blumen von seltener Schönheit; hier sind Schneefelder und Gletscher von unbeschreiblicher Pracht. Nur mit Ehrfurcht darf man dem Berg und seinem Reichtum begegnen.

Der Berg hat seine eigenen Gesetze. Nur Schritt für Schritt kann der Wanderer seinen Weg gehen. Beim Klettern muss jeder Fußtritt festen Halt haben. Der Atem wird kürzer, die Luft dünner; Schwächen werden erkennbar. Oft stehen die Bergsteiger vor der Frage, ob sie aufgeben sollen. Wie oft geht es uns so im Leben! Mancher ist gescheitert, mancher sogar abgestürzt.

Das Wandern zum Gipfel wird zum Gleichnis für menschliches Leben. Vieles ist mühsam - und doch wieder schön. Die Last kann sich in unerwartete Freude verwandeln. Gipfelerfahrungen sind Höhepunkte unseres Lebens. Aber man kann nicht immer auf der Bergspitze verbleiben; wir müssen wieder herunter ins Tal, in den Alltag, dorthin, wo es neblig und trüb ist.

"Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge", sagt der ehemalige Bischof von Innsbruck Reinhold Stecher, der selbst ein begeisterter Bergsteiger war. Die Bibel kennt den heiligen Berg Zion. Wir Christen sprechen sogar von dem Berg des Altares, auf dem das Kreuzesopfer Jesu Christi gefeiert wird. In diesem Bild steckt die Friedensvision des Propheten Isaia von der einen Welt (Is 2,2f.):

Am Ende der Tage wird es geschehen:
Der Berg mit dem Haus des Herrn
steht fest gegründet als höchster der Berge;
er überragt alle Hügel,
zu ihm strömen alle Völker.
Viele Nationen machen sich auf den Weg;
sie sagen: kommt, wir ziehen hinauf
zum Berg des Herrn.

 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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