Dom Minden  
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Auferstehung im Holz

Pfarrbrief vom 06.06.2002:
Durch die Aufstellung der Goldenen Tafel im Dom haben wir etwas Gespür für aus Holz geschnitzte Figuren bekommen. Die Bildhauer dieser Tafel, die nie zuvor mit dem harten Eichenholz gearbeitet hatten, mussten sich einer neuen Herausforderung stellen und mit dem Material kämpfen. Um einem solchen wertvollen Altar langen Bestand zu sichern, konnte er nicht aus weichem Holz geschnitzt werden. Von besonderer Bedeutung sind die Figuren. Was sagen sie uns? Welchen Ausdruck vermitteln sie in Haltung, Gebärde, Blick und Gesicht? Sind sie tot oder sprechen sie?

Zufällig fiel uns ein Gedicht von Johannes R. Becher mit der Überschrift "Riemenschneider" in die Hände. Tilman Riemenschneider ist jener spätgotische Bildhauer und Schnitzer aus Franken, der 1531 in Würzburg gestorben ist und uns weltberühmte Schnitzaltäre hinterlassen hat. Die Gesichter der Figuren sind aussagestark; ihre Gebärden sind von sehnsuchtsvoller Hingabe und tiefer Frömmigkeit geprägt. An diese Gesichter mag der Dichter gedacht haben, als er in seinem Sonett das Schicksal eines Bauern beschrieb, dem man in der Zeit der Bauernkriege die Augen ausgestochen hatte. Der Würzburger Meister, der als Ratsmitglied auf der Seite der Aufständischen stand, soll dem Bauern versprochen haben: "Ich mach dich wieder sehend." Er hatte ein mitfühlendes Herz und heilende Hände, die den Geblendeten als wieder Sehenden darzustellen vermochten. "Alle Lasten schnitzte er, die solch ein Bauer trug, ins Gesicht hinein", schreibt der Dichter. Die Figur war für einen Altar bestimmt; so endet das Gedicht: "Und der Bauer, der geblendet war, sah mit großen Augen vom Altar." Das menschliche Original und die geschnitzte Skulptur werden mit demselben Wort bezeichnet; das Objekt wird zum Subjekt. Wie ist diese Identifikation zwischen Bauer und Holzfigur möglich? Der Dichter bietet eine Lösung an: "Und er schnitzte ihn aus Holz, das ja aus demselben Stoff war." Wieso "derselbe Stoff"? Der "Stoff" ist das Holz des Kreuzes! Aus diesem Holz lebt der Mensch, aber auch die Figur. Christus kommt ins Spiel.

So werden wir auf den Gekreuzigten verwiesen, der die Leiden der Menschen trägt. Alle, die den geschnitzten Bauern im Altare betrachten, schauen in das Gesicht des Heilandes, und umgekehrt: Der Bauer sah alle an, die in ihm den Träger des Kreuzes erkannten.

Mit solchen Augen können auch wir die Goldene Tafel betrachten. Die geschnitzten Figuren sind keine toten Gestalten, sondern sprechende Apostel und Heilige. Jedes Gesicht verrät einen Ausdruck - Spannung oder Erwartung, Zuneigung oder Hingabe, Bereitschaft oder Entschlossenheit, Güte oder Aufbruch. Weil sie alle Heilige im himmlischen Jerusalem sind, verkörpert jeder von ihnen eine Seite des Göttlichen. Man sollte sich die Zeit gönnen, von Gesicht zu Gesicht, von Kleid zu Kleid, von Gebärde zu Gebärde zu wandern und nach dem Lebendigen zu suchen. Dann werden wir in ihnen auch unsere eigenen Gefühle, unsere Leiden und Sehnsüchte entdecken. Auch für den Bildhauer der Goldenen Tafel gilt das Wort des Dichters über Tilman Riemenschneider: "Alle Lasten schnitzte er, die solch ein Bauer trug, ins Gesicht hinein." Unsere Leiden und Freuden finden sich wieder in den Gesichtern der Heiligen. Auch wir werden wieder sehend.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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