Dom Minden  
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An die Musik

Pfarrbrief vom 28.04.2002:
Inzwischen haben wir auch mit unserer kleineren Querhausorgel gute Erfahrungen gemacht. Ihre Position hat sich als richtig erwiesen, weil der Klang durch eine "geheimnisvolle" Schallführung sowohl in das Hochchor bei den Werktagsgottesdiensten als auch in das Hauptschiff des Domes bei Sonntagsgottesdiensten dringt. Diese volle und überzeugende Tonführung hat vorher niemand erwartet. Hinzu kommt der wunderbare Klang der Querhausorgel, der weich und einfühlsam die Gemeindegesänge begleitet.

Vor der Querhausorgel hat der Domchor seinen Platz gefunden. Auch die Mädchenkantorei und die Domsingknaben erfreuen von hier aus die Gemeinde mit ihren Liedern und Gesängen. "Du Sprache, wo Sprachen enden", sagt Rainer Maria Rilke in einem Wort "An die Musik". Wie oft durften wir schon im Dom diese beglückende Erfahrung machen! Vielleicht ist diese Sprache erforderlich, um Gott zu erreichen.

"Zu wem sollte ich rufen, Herr,
zu wem meine Zuflucht nehmen,
wenn nicht zu dir?
Alles, was nicht Gott ist,
kann meine Hoffnung nicht erfüllen" (Blaise Pascal).

Manchmal empfinden wir die Musik, als habe sich der Himmel aufgetan. Sie ist wie ein Geschenk, mit dem man nicht spekuliert. "Die Würde der Kunst", so bemerkt Goethe, "erscheint bei der Musik am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden muss." Musik ist etwas, "das, uns übersteigend, hinausdrängt" (Rilke), das uns über uns erhebt und in eine andere Welt entführt.

Auch der gegenüberliegende Heilig-Geist-Altar liefert der Musik zu. Nicht nur die musizierenden Engel mit ihren Instrumenten über der Krippe des neugeborenen Erlösers, sondern vor allem eine der Figuren, die in den letzten Wochen fast unbemerkt ausgetauscht wurde und damit dem wunderbaren Renaissancealtar seine Vollendung gegeben hat, ist ein Hinweis "an die Musik".

In einer früheren Besprechung des Heilig-Geist-Altares nach seiner Restaurierung (siehe Pfarrbrief vom 9.12.2001) hatten wir in einem Nebensatz auf eine falsche Figur hingewiesen. Inzwischen ist der Schaden behoben und der richtige Heilige an seinen Platz in der oberen Reihe der vier Kirchenlehrer - zweiter von links - zurückgekehrt: Papst Gregor I., dem die Geschichte den Beinamen "der Große" gegeben hat. Er wurde um 540 in Rom geboren und ist am 12. März 604 dort auch gestorben. Er gilt als einer der größten Päpste auf dem Stuhle Petri, so dass er als Vorbild für alle Nachfolger diente. Neben seinen historischen Verdiensten um die Kirche, seiner Seelsorge- und Missionstätigkeit, neben seinen theologischen Schriften, die das gesamte Mittelalter beeinflusst haben, hat er besonderen Einfluss auf die Liturgie, vor allem auf die liturgischen Gesänge genommen. Die Ursprünge der "gregorianischen" Musik sind bei ihm zu suchen. Wenn ihre volle Entfaltung auch erst später möglich wurde, sind ihre Anfänge doch auf diesen Papst zurückzuführen. So haben auch die Chöre des Domes und die "Schola Gregoriana" in seiner Nähe den richtigen Platz.

Diese Zusammenhänge sind für eine Gemeinde wichtig, die aus den Quellen ihrer Tradition schöpft, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Nur so ist auch eine gerechte Beurteilung alter und neuer Kirchenmusik möglich.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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