Dom Minden  
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Wer gibt uns sicheren Kurs

Pfarrbrief vom 27.04.2002:
Menschen werden geleitet. Keiner ist in der Lage, seinen Weg ganz allein zu finden. Erziehung, Studium, Verstand und eigene Überlegung sind zweifellos wichtige Helfer, um nicht in die Irre zu gehen. Aber Garanten für einen sicheren Kurs sind sie nicht. Uns geht es wie den Flugzeugen mit eigenen Sicherungssystemen. Und doch werden sie von Fluglotsen gelenkt. Die Flugzeugkatastrophe über dem Bodensee vor einigen Wochen hat uns aufgeschreckt, weil die Bodenstation falsche Anweisungen gegeben und dadurch den Absturz der beiden Flugzeuge verursacht hat.

Die 14. Shell-Studie hat uns erneut einen aktuellen Einblick in das Denken junger Menschen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren gegeben. Sie beschreibt die Jugendlichen keineswegs selbstsüchtig oder hedonistisch. Der freiwillige Einsatz sehr vieler junger Menschen in der Flutkatastrophe der östlichen Bundesländer lässt uns sogar mit Bewunderung und Anerkennung auf sie schauen. Die Studie bescheinigt den Jugendlichen Fleiß und Ehrgeiz, nach ihr sind sie leistungs- und erfolgsorientiert. Ihre gesellschaftskritische Position der früheren Jahre haben sie zugunsten einer macht- und anpassungsbezogenen Wertorientierung aufgegeben. Sie haben Angst vor Terroranschlägen, schlechter Wirtschaftslage, Umweltverschmutzung und Krieg in Europa. Die einen suchen ihre Sicherheit im idealistischen, andere im materialistischen Denken.

Aufregend in der Shell-Studie ist die Erkenntnis, die über die Beziehung der Jugendlichen zu Gott gefunden wurde. 46 % bewerten den Glauben an Gott als unwichtig, 38 % als wichtig; in den neuen Bundesländern liegt die Zahl nur bei 14 %. Mit diesem Ergebnis hat sich der überwiegende Teil der deutschen Jugendlichen nicht nur aus der Kirche, sondern auch aus der Welt des Glaubens verabschiedet.

Wer gibt diesen Menschen jetzt Halt? Wer gibt ihnen sicheren Kurs? Reichen die sozialen Sicherungssysteme, Leistung, Erfolg und Wohlstand aus, um das Leben gelingen zu lassen? Wir können den Jugendlichen keinen Vorwurf machen, wenn die gesamte Gesellschaft mehr und mehr vom Glauben, von Religion und Kirche abrückt. Insofern ist die Shell-Studie eine Anfrage auch an die Erwachsenen und die christlichen Gemeinden.

Wer gibt den Menschen sicheren Kurs? In einer Wochenzeitung war folgende Situation beschrieben: Eine neblige Nacht auf See. Der Kapitän eines großen Schiffes bemerkte etwas, das ganz nach den Lichtern eines zweiten Schiffes aussah. Es kam immer näher. Dieses andere Schiff befand sich auf Kollisionskurs! Schnell signalisierte der Kapitän:

"Bitte Kurs um 10 Grad West ändern." Die Antwort kam als Lichtzeichen durch den Nebel: "Ändern Sie Ihren Kurs um 10 Grad Ost." Der Kapitän machte seinen Rang geltend und signalisierte zurück: "Ich bin Kapitän mit 35 Jahren Berufspraxis. Kurs um 10 Grad West ändern!" Unverzüglich kam das Lichtsignal: "Bin einfacher Seemann. Ändern Sie Ihren Kurs um 10 Grad Ost." Der Kapitän gab eine letzte Warnung: "Steuere einen 50.000-Tonnen-Frachter. Kurs um 10 Grad West ändern!" Darauf die einfache Antwort:

"Sitze im Leuchtturm. Ändern Sie Ihren Kurs."

Wir brauchen Leuchttürme, auf die wir uns verlassen können. Wir brauchen Fluglotsen, deren "Wort" nicht in die Katastrophe führt. Die Lebensgeschichte lehrt uns: Menschenwort allein reicht nicht aus.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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