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Ostern bestimmt unser Menschenbild

Pfarrbrief vom 31.03.2002:
Auf dem Hintergrund der Bioethik, der Stammzellforschung und der Gendiagnostik wird in unserer Gesellschaft verstärkt über das Menschenbild nachgedacht. Forschung, Wissenschaft und Politik erkennen mehr und mehr, dass sie in den schwierigen aktuellen Fragen festen ethischen Boden unter den Füßen brauchen, um die Orientierung nicht zu verlieren. Da wir kaum noch vom "christlichen Abendland" oder vom "christlichen Europa" sprechen können, ist auch unsere Auffassung vom "christlichen Menschenbild" nur eine unter verschiedenen Menschenbildern. Politik braucht jedoch tragfähige Grundorientierungen, die als Kompass wirken. Zwar spielt der Kompromiss im gesellschaftlichen Leben eine wichtige Rolle; aber es gibt Grundpositionen, die unaufgebbar sind und deren Verlust zur Beliebigkeit führen kann. Die Forderung nach ethischen Grundpositionen hat in den Gefängnissen und Konzentrationslagern der Nazidiktatur und anderer Staaten begonnen. Noch in diesen Tagen schrieb eine mir unbekannte Russlanddeutsche: "Mein Vater wäre morgen 100 Jahre alt geworden. Aber er wurde 1937 mit 35 Jahren als Volksfeind zusammen mit seinen fünf Brüdern in Russland erschossen." Aufgrund solcher Erfahrungen hat nach dem Kriege der unverdächtige Schriftsteller Heinrich Böll geschrieben: "Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt, denen keine heidnische Welt je Raum gegeben hat, für die Krüppel und Kranken, für Alte und Schwache. Und mehr noch als Raum gibt sie Liebe für die, die in der heidnischen gottlosen Welt nutzlos erscheinen." Von diesem Böll‘schen Wort bestehen direkte Bezüge zu unserer Zeit. Der Traum vom "neuen Menschen", der frei ist von Behinderung und Krankheit, wird weiter geträumt. Die Gesellschaft erhebt Anspruch auf die Geburt nur gesunder Kinder; alles andere wäre unnötige Belastung. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Grundpositionen aufgegeben, etwa der Schutz der unveräußerlichen Würde für jeden Menschen vom ersten Augenblick seiner Existenz.

Zwar ist es nicht möglich, in den Auseinandersetzungen der Realpolitik immer und überall christliche Positionen durchzusetzen. Aber die Politik muss ständig daran erinnert werden, dass sie von Grundlagen lebt, die ihr vorgegeben und unverzichtbar sind. An dieser Stelle sind gerade wir Christen mit unserem Menschenbild besonders gefordert, das jeden Menschen als Ebenbild Gottes definiert.

Am Osterfest feiern wir das Geheimnis der Auferstehung Jesu Christi und das der Menschen. Wir erinnern uns nicht nur daran, dass wir eine Würde haben, die im Bilde Gottes ihren Grund hat, sondern auch an unsere "Unsterblichkeit", durch die wir auf ein ewiges Ziel zugehen können. In diesen beiden Eckpunkten menschlichen Lebens begegnen wir Gott, von dem wir kommen und zu dem wir gehen. Über Anfang und Ende des Menschen müssen bei Christen klare Vorstellungen bestehen. Gerade von diesen Eckdaten her wird unser Menschenbild bestimmt. Die Eckdaten beschreiben, warum wir es "christlich" nennen. Wir dürfen sein wie der Auferstandene. "Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn" (Phil 1,21), schreibt der hl. Paulus.

Der Blick auf den auferstandenen Christus im Mittelfenster unseres Hochchores ist Einladung und Ermutigung, aus der Freude der Osterbotschaft zu leben, die uns sagt: "Ich lebe und auch ihr werdet leben" (Joh 14,19).
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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