Dom Minden  
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Was treibt die Menschen in die Kirche

Pfarrbrief vom 04.01.2002:
Wiederum waren an den Weihnachtstagen die Gottesdienste überfüllt. In allen katholischen und evangelischen Kirchen sind am Heiligen Abend und am 1. Weihnachtstag die Christen in großer Zahl zum Gebet versammelt gewesen. Wie kann man dieses Phänomen erklären, da doch die Kirchen an Ansehen verloren haben und der Glaubensverlust der Christen unübersehbar ist? Sogar Konfessionslose entdeckten ihre religiösen Gefühle. Immerhin haben nach einer Forsa-Studie 55 % von rund 1000 Befragten erklärt, sie wollten am Weihnachtsfest zur Kirche gehen, von den Katholiken waren es sogar 73 %; sie können sich das Weihnachtsfest ohne Gottesdienstteilnahme nicht vorstellen. Auch bei außergewöhnlichen Anlässen entdecken wir ein solches Interesse für den Gottesdienst, bei Trauergottesdiensten, Hochzeiten, vor allem auch bei Kathastrophen, obwohl viele erklären, sie seien keine "Kirchgänger". Was mögen die Beweggründe für dieses widersprüchliche Verhalten sein? Ist es doch wahr, dass alle Menschen das göttliche Ursprungszeichen in ihrem Herzen tragen und eine tiefe Sehnsucht nach Gott in ihnen steckt. Gibt es Situationen im menschlichen Leben, denen die Menschen nicht gewachsen sind, wenn sie sich nicht auf Gott zurückbesinnen? Erfahren sie bei bestimmten Gelegenheiten, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als uns viele Wissenschaftler weismachen wollen? Liegt hinter der Natur doch eine Über-Natur, hinter der Physik eine Meta-Physik, hinter der Zeit eine Ewigkeit? Oder dürfen wir so tief gar nicht fragen? Muss das Phänomen der überfüllten Weihnachtsgottesdienste viel vordergründiger gesehen werden? Eine Kirche für das Gemüt, eine Krippe für das Staunen der Kinder, ein festlicher Rahmen für die Stimmung? Brauchen wir Stätten, an denen wir unsere Angst oder Trauer abladen können?

Alle diese Fragen sind sicher nicht generell zu beantworten. Darum wäre es gut, wenn jeder Leser für sich oder in der Familie die Frage stellen würde: Was treibt eigentlich die Menschen in die Kirche? Wenn die Teilnehmer am Weihnachtsgottesdienst zufrieden waren und sie etwas erfahren haben, was über den Alltag hinausweist, wenn ihnen Ermutigung und Lebenshilfe zuteil wurde, müsste die Frage erlaubt sein, ob sie nicht häufiger im Jahr sich auf diese Weise beschenken lassen wollen. Im Gottesdienst müssen wir nicht Gott etwas geben; er beschenkt uns. Vielleicht ist doch jeder Mensch in seiner Tiefe ein homo religiosus, ein an Gott gebundener Mensch, der letztlich ohne ihn nicht leben kann.

Johann Baptist Metz nennt als kürzeste Definition von Religion die "Unterbrechung". Der Sonntag, der Gottesdienst, das Gebet - alles das sind Unterbrechungen von dem, was uns gefangen hält: Geld verdienen, Einkaufen, Computerspiele, der stupide Ablauf des Alltäglichen, Leerlauf, Einsamkeit. In der "Unterbrechung" können wir reich werden.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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