Dom Minden  
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Volkstrauertag

Pfarrbrief vom 18.11.2001:
In diesem Jahr findet am Vorabend des Volkstrauertages die Zentrale Gedenkstunde für alle Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft, zu der der Landtag, die Landesregierung von NRW und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeladen haben, im Dom zu Minden statt. Es ist ein Ausdruck von Ehrfurcht und Humanität, sich staatlicherseits der Verstorbenen zu erinnern. Wenn die Veranstalter darum gebeten haben, die Gedenkstunde in diesem katholischen Dom durchführen zu dürfen, dann darf eine Vertiefung dieser Trauerfeier im Lichte unseres christlichen Glaubens erwartet werden. Erinnern ist wichtig, um Solidarität zu den Toten zu bekunden; Erinnern ist notwendig, weil es uns zur Wachsamkeit gegenüber dem Terror und der Gewalt aufruft; Erinnern ist unverzichtbar, weil uns die Vergangenheit lehren soll, die Zukunft zu gestalten. Aber Erinnern allein ist zu wenig; wir brauchen eine Verheißung. In der christlichen Botschaft, die in diesem Dom verkündigt wird, wird sie uns geschenkt. Angesichts des Volkstrauertages werden viele Fragen an Leben und Sterben gestellt.


Marlene Dietrich singt in einem ihrer Lieder:

Sag mir, wo die Blumen sind?
       Mädchen pflückten sie geschwind.

Sag mir, wo die Mädchen sind?
       Männer nahmen sie geschwind.

Sag mir, wo die Männer sind?
       Zogen fort, der Krieg beginnt.

Sag, wo die Soldaten sind?
       Über Gräbern weht der Wind.

Sag mir, wo die Gräber sind?
       Blumen blühen im Sommerwind.

Sag mir, wo die Blumen sind? ...



Das Lied endet im Kreislauf immer neuer Fragen, bis es plötzlich mit der Frage abbricht: Wann wird man je verstehen? Wahrscheinlich bleibt das letzte Verständnis verborgen. Aber das menschliche Leben ist mehr als ein Kreislauf der Natur von Aussäen, Blühen und Sterben. Der hl. Augustinus lässt einen Verstorbenen zu uns sprechen: Ihr, die ihr mich so geliebt habt, seht nicht auf das Leben, das ich beendet, sondern auf das, welches ich begonnen habe. Das ist mehr als Erinnerung an die Toten, das ist die Verheißung künftiger Unsterblichkeit. Der Volkstrauertag ist nicht nur Gedächtnis an die Verstorbenen, sondern auch Anfrage an die Lebenden. Ist die Trauer des Volkes eine Trauer ohne Hoffnung?Oder gilt das Wort der Gertrud von le Fort: Du wirst einen Tod finden, den du ewiglich nicht stirbst? Der Tod ist keine Kleinigkeit; wir sollten ihn nicht verharmlosen. Er kann uns bis ins Mark erschüttern und in tiefe Trauer stürzen. Aber beides hat Jesus am Kreuz erfahren: Schrecken und Hingabe. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mt 27, 46). Viele Menschen kommen über diese Frage nicht hinaus. Aber das letzte Wort Jesu lautete: Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist (Lk 23, 46).

Es ist Aufgabe der Christen, mit ihrer Botschaft vom Leben dazu beizutragen, dass das Volk nicht in der Trauer versinkt. Am Grabe richten wir eine Hoffnung auf. Mit Rilke sagen wir der Welt: Wir alle fallen. Diese Hand da fällt ... Und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
 
Ihr

Paul Jakobi
Propst

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