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Unser Kind soll sich später selbst entscheiden

Pfarrbrief vom 11.01.2004 - Taufe das Herrn:
Hin und wieder erklären uns Eltern, die ein Kind bekommen haben, dass sie es nicht sofort taufen lassen wollen. Sie möchten nicht über Ihr Kind verfügen; wenn es älter geworden wäre, sollte es sich selbst entscheiden. Diese Meinung hört sich sympathisch an; sie klingt sehr tolerant. Ohne Zweifel ist sie nicht ohne Charme: Wer sich persönlich für die Taufe entscheidet, wird auch in seinem Leben zu dieser Glaubensentscheidung stehen. Solche Eltern können sich auf die Taufe Jesu berufen, der erst als erwachsener Mann von Johannes im Jordan getauft wurde. Wenn Jesus und andere in der Bibel genannte Personen es uns so vorgelebt haben, sollten wir nicht von dieser Praxis abweichen und die Kindertaufe forcieren.

Und doch hat die Kirche Bedenken; auch ich persönlich teile sie. Jesus konnte erst als Erwachsener die Kirche stiften, und unmittelbar vor seiner Himmelfahrt hat er den Befehl zur Taufe gegeben: „Gehet zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt. 28,19). Von diesem Auftrag Jesu wurden damals vornehmlich Erwachsene erfasst. Es wird aber auch in der Bibel berichtet, dass ganze Familien mit ihren Kindern gläubig wurden und sich taufen ließen (Apg 16,15; 16,33); somit wurde die Kindertaufe bereits zur Zeit Jesu praktiziert.

Im Laufe der Geschichte hat sich in der Kirche die Kindertaufe durchgesetzt. Vielleicht hat die Angst, dass die Ungetauften nicht zum Heil kommen könnten, eine Rolle gespielt. Der hl. Franziskus Xaverius, der selbst Hunderttausende getauft haben soll, wurde sicher von dieser Sorge geplagt. Heute sind wir gelassener, weil wir an einen barmherzigen Gott glauben, der sich auch der riesigen Zahl von Nichtchristen annehmen muss. Was wäre das für ein Gott, der alle ungetauften Menschen verwerfen würde?

Heilsängste leiten uns bei unserem Votum für die Kindertaufe nicht. Wenn Kinder sich später selbst für oder gegen die Taufe entscheiden sollen, müssen sie zunächst an den christlichen Glauben herangeführt werden. Wie sollen sich sonst Jugendliche später für etwas entscheiden, was sie gar nicht kennengelernt haben? Aber haben Eltern mit einer christlichen Unterweisung der Kinder nicht bereits eine Vorentscheidung gefällt? Müssen sie nicht immer Vorentscheidungen für sie fällen: was sie essen, in welchen Kindergarten sie gehen, wie sie sich zu benehmen haben, was sie dürfen oder nicht dürfen, welche Schule sie besuchen? Wenn die Kinder alle Entscheidungen selbst fällen müssten, wären sie ständig überfordert. Ohne Anleitung und Hinführung würden sie im Leben scheitern. Warum sollen Eltern ihre Kinder dann nicht an das Lebenswichtige heranführen, an den christlichen Glauben, der der menschlichen Existenz Bestand und Sicherheit gibt? Wenn die Eltern für ihre Kinder das geistige Lernen fordern, warum dann nicht auch das geistliche?

Wir können davon ausgehen, dass Eltern immer das Beste für ihr Kind wollen. Warum legen sie es dann nicht direkt nach der Geburt in die Hände Gottes? Warum verweigern sie dem Kind sein besonderes Weggeleit, das in der Taufe beginnt? Wenn ein Kind geboren ist, wird es in die Arme der Mutter gelegt. J edes Menschenleben beginnt mit der Umarmung. Auch die Sakramente der Kirche sind Umarmungen, aber Umarmungen Gottes. In der Taufe sagt Gott zu dem Täufling: „Du brauchst keine Angst zu haben; ich werde dich begleiten. Du kannst mit großem Vertrauen das Leben wagen.“ Wer möchte seinem Kind in dieser gefahrvollen Welt ein solches Angebot Gottes verweigern?

Ihr

Paul Jakobi
Propst

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