Dom Minden  
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Das Wunder von Bern

Pfarrbrief vom 30.11.2003:
Freundliche Mitglieder der Gemeinde hatten mich vor wenigen Tagen zu einem Kinobesuch eingeladen. So hatte ich nach 18 Jahren - mein letzter Film war „Momo“ in Düsseldorf - erstmalig wieder das Vergnügen, mir in einem Kino einen Film anzusehen. Gezeigt wurde „das Wunder von Bern“, jenes Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954, in der die deutsche Mannschaft Weltmeister wurde.

„Dieses Spiel war doch zu Ihrer Zeit“, sagten meine Freunde als Begründung der Einladung. Tatsächlich erinnere ich mich gut an dieses Spiel, das ich als neugeweihter Priester in meiner 1. Stelle in Bochum mit aufregender Spannung am Radio verfolgt habe. Der Ansager schrie damals mit überschäumender Begeisterung ins Mikrofon: „Toni, du bist ein Fußballgott“; „Tooor, Tooor!“; „das Spiel ist aus!“; „wir sind Weltmeister!“. Bei aller sportlichen Begeisterung darf man den politischen Hintergrund nicht übersehen: Es war 9 Jahre nach dem 2. Weltkrieg; die Städte waren noch zerstört; ich ging über Trümmer in meine Kirche; Gefangene kehrten heim; Deutschland war noch nicht wieder voll und ganz in die Völkergemeinschaft aufgenommen. Und dann dieser Sieg vom besiegten ehemaligen Nazideutschland!

Der Film hat mit wenig bekannten, aber überzeugenden Schauspielern das Fußballereignis mit einer Familiengeschichte verwoben. Die Mutter hatte unter schwierigen Bedingungen ihre 3 Kinder durch den Krieg gebracht. Der Vater war mehrere Jahre Soldat in Russland, anschließend 9 Jahre in Gefangenschaft. Die Schrecken in den Bombennächten, der Hunger der Familie und die Überlebensangst des zu Tode geschwächten Vaters sind eine Erklärung der Worte Jesu im Evangelium des 1. Adventssonntags: „Die Völker werden bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen“ (Lk 21,25f.). Als der Vater endlich aus der Gefangenschaft zurückkehrt, sagt die Mutter den Kindern: „Nun sind wir wieder eine vollständige Familie.“ Aber der Vater ist völlig verändert; er ist hart und streng geworden. Auf brutale Weise straft er die Kinder und jagt einen Sohn aus dem Hause. Er hat sich Erziehungsmethoden angeeignet, die zur Zerstörung der Familie führen können. Sie sind Folgen der grausamen Gefangenschaft, die ihn hindern, sich in der Heimat zurechtzufinden. Obwohl er sich seinen Glauben bewahrt hat und oft still in der Kirche verweilt und betet, erscheint all sein Tun boshaft und verständnislos. Wo er seine Kinder kränken und verletzen kann, tut er es. Wiederum erleben alle Familienmitglieder neue Schrecken und Ängste.

Aber die Mutter kämpft; sie versucht zu vermitteln. Ihren Mann stellt sie zur Rede, bei ihren Kindern wirbt sie um Verständnis. Auch der Vater bemüht sich um eine Lösung des Konfliktes. „Ich komme nicht mehr klar“, gesteht er einem Priester. Durch diese Offenheit von allen Seiten bahnt sich eine Wende an. Alle Familienmitglieder werden von dem Gedanken der Versöhnung erfasst. Dieses Bemühen setzt sich mehr und mehr durch. „Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe“ (Lk 21,28). Der Vater entschuldigt sich bei seinen Kindern. Er bittet sie um Verzeihung, weil er ihnen Unrecht getan hat. Die Kinder sind ergriffen von dem Versöhnungswillen ihres Vaters und reichen ihm die Hand. Vielleicht war dies das eigentliche Wunder von Bern. Und das ist Advent; denn Jesus wollte in die Welt kommen, um die Menschen untereinander und mit Gott zu versöhnen.

Ihr

Paul Jakobi
Propst

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